Kulturmarxismus / Cultural Marxism


Kulturmarxismus bezeichnet die Anwendung der marxistischen Gesellschaftstheorie auf Phänomene der Kultur.

Entstehung und Vorläufer

Cultural Marxism wurde anfangs vor allem durch die Literaturkritik und historische Studien ausgearbeitet. [1] Wichtige Impulse verdankt er dem von Richard Hoggart 1964 gegründeten Centre for Contemporary Cultural Studies der University of Birmingham.[2] Als sein Vorläufer wird Antonio Gramsci gesehen, der gesellschaftliche Auseinandersetzungen auch als Konflikte um kulturelle Hegemonie begriff. Ihm zufolge gehe es dabei um eine permanente Auseinandersetzung über die kulturelle Definition legitimer Gesellschaftlichkeit.[3] Retrospektiv wurden neben Gramsci auch Theoretiker wie Georg Lukács, Ernst Bloch, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Fredric Jameson und Terry Eagleton für diese Variante der Cultural Studies in Anspruch genommen, weil sie die marxistische Theorie auf die Sphäre der Kultur anwandten[4], ohne dass sie sich jemals als kulturelle Marxisten verstanden haben.

Geschichte

Für Karl Marx und Friedrich Engels zählte die Kultur zu den Phänomenen des "Überbaus", die abhängig waren von der Produktionsweise (siehe Basis und Überbau). Für sie dienten die vorherrschenden Ideen der Rechtfertigung der herrschenden Klasse. Spätere Interpreten wie Kellner erklären Werte wie Pietät, Ehre, Heldentum und Ritterlichkeit als die dominierenden Werte der herrschenden aristokratischen Klassen im Feudalismus und behaupten, im Kapitalismus seien Werte wie Individualismus, Profit, Wettbewerb, und Marktwirtschaft als Ideologie der Bourgeoisie dominant geworden. Derartige Ideologien entsprächen - wie Kellner Marx und Engels auslegt - dem gesunden Menschenverstand und schwer zu kritisieren.[4]

In den 1920er Jahren begannen moderne Theoretiker des westlichen Marxismus der Kultur mehr Autonomie zuzuschreiben. Perry Anderson (1976) interpretiert diese Richtungsänderung mit der Niederschlagung der kommunistischen Revolutionsbewegungen in Westeuropa und dem Erstarken des Faschismus.[4]

Lukács brachte in der Theorie des Romans den Aufstieg des Romans in Verbindung mit dem Triumph der Bourgeoisie und des Kapitalismus. In den 1920er Jahren wandte Lukács Marx'sche Theorien der Produktionsverhältnisse und Klassenkonflikte auf soziokulturelle Analysen an.[4]

Bloch betonte die utopische Dimension der westlichen Kultur und sah in kulturellen Texten das Bedürfnis nach einer besseren Welt. Dieser utopische Impuls bildet eine Herausforderung vorherrschender Kulturmodelle und beeinflusste die Frankfurter Schule.[4]

Für Gramsci waren die dominierenden Kulturformen der Zeit eine Form der Hegemonie. Gesellschaften erhielten ihre Stabilität durch eine Kombination von Dominanz und Hegemonie. Hegemonie definierte er als intellektuelle und moralische Führerschaft. Gramscis wichtigstes Beispiel war der italienische Faschismus, in dem der Staat Bildungseinrichtungen, Medien und andere kulturelle, soziale und politische Institutionen stark beeinflusste. Gramsci sieht in den vorherrschenden Ideen einen sozialen Zement, der die vorherrschenden Gesellschaftsordnung zusammenhält. Gramscis Kritik an dieser dominanten Form der Kultur wurde von der Frankfurter Schule und den britischen Kulturstudien aufgegriffen.[4]

Wirkungen

Cultural Marxism war in der westlichen Welt sehr einflussreich, insbesondere in den 1960er Jahren. Roland Barthes und die Tel Quel-Bewegung in Frankreich, Galvano Della Volpe, Lucio Colletti und andere in Italien, Fredric Jameson, Terry Eagleton und weitere im angelsächsischen Raum, sowie eine große Zahl weiterer Theoretiker nutzten Cultural Marxism in den Cultural studies.[4][5]

Der Soziologe Richard R. Weiner sieht Cultural Marxism als Kritik an Marx' Vernachlässigung der kulturellen Basis von Konflikten. Die Bedeutung von Kultur in gesellschaftlichen Konflikten wurde daraufhin von Neuen Soziale Bewegungen aufgegriffen. Es gehe vor allem darum, eine kulturelle Hegemonie des kapitalistischen Systems zu bekämpfen, da in ihr eine Legitimation des Systems gesehen wurde. Dies spiegelt sich in Slogans wie Das Persönliche ist politisch wieder.[6] Laut Cultural Marxism könne sich dem klassischen Proletariat im Marx'schen Sinne eine Horde neuer Rebellen anschließen, die vom materialistischen Charakter des Lebens und der Kommunikation im Kapitalismus angeekelt sind. Dieses neue Proletariat komme sowohl aus entmenschlichenden Arbeitsstellen der Dienstleistungsgesellschaft, als auch aus der traditionellen Mittelschicht mit einem neuen kulturellen Bewusstsein über die Entfremdung von ihrer Arbeit.[7]

Laut Philipp Daniel Smith beschreibt der Philosoph Roger Scruton in einem von Smith als manchmal ungenau, fehlerhaft und provokativ bewerteten Buch Cultural Marxism als verworren und simplistisch.[8]

Als politischer Kampfbegriff

Da die klassische Red Scare nicht mehr funktioniere, habe laut Thomas Grumke die neue amerikanische Rechte „Cultural Marxism“ als Kampfbegriff in die Debatte eingeführt. Als Kampfbegriff der amerikanischen neuen Rechten beschreibt „Cultural Marxism“ eine angebliche konspirative Verschwörung von „Linken“, die versuchten Kultur und Moral der USA zu zerstören. Dies geschehe, indem den weißen Amerikanern der Stolz auf ihre europäische Abstammung und Ethnie ausgeredet werde, sowie „christliche“ Familienwerte als reaktionär und rückständig bezeichnet würden. Auch werde aus diesem Grund sexuelle Befreiung gelobt. Als „Verschwörer“ werden unter anderem Feministinnen, Homosexuelle, Multikulturalisten, Umweltschützer, Migranten und Philosophen der Frankfurter Schule angesehen. [9] Wichtige Vertreter dieser Bewegung sind Pat Buchanan und William S. Lind.

1 Sherry B. Ortner (1984): Theory in Anthropology since the Sixties. Comparative Studies in Society and History 26: 126-166.
2 Jean Lave, Paul Duguid, Nadine Fernandez, Erik Axel (1992): Coming of Age in Birmingham: Cultural Studies and Conceptions of Subjectivity. Annual Review of Anthropology 21: 257-282.
3 Birgit Schwelling: Politikwissenschaft als Kulturwissenschaft. Theorien, Methoden, Problemstellungen. VS Verlag, 2004. ISBN 3810039969. S. 43.
4 Douglas Kellner: Cultural Marxism and Cultural Studies.
5 Klaus von Beyme: Vergleichende Politikwissenschaft. Vs Verlag, 2010. ISBN 353116807X. S. 312.
6 Nelson A. Pichardo (1997): New Social Movements: A Critical Review. Annual Review of Sociology 23: 411-430.
7 Douglas E. Foley (1989): Does the Working Class Have a Culture in the Anthropological Sense? Cultural Anthropology 4: 137-162.
8 Philip Daniel Smith: Cultural theory: an introduction. Blackwell Publishers, 2001. ISBN 0631211764. S. 57.
9 Thomas Grumke: "Take this country back!" Die neue Rechte in den USA. In: Die Neue Rechte - eine Gefahr für die Demokratie? Vs Verlag, 2004. ISBN 3810041629. S. 177


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